Freitag, 18. Mai 2018

Archivbashingszenenarchiv


Falls die filmische Darstellung von Archivarbeit noch niemandem besonders aufgefallen ist, sollte ich vielleicht nicht noch die Aufmerksam darauf lenken, denn die Archivarbeit kommt nicht gut weg dabei. Andererseits können Archivare jede Form der Aufmerksamkeit gebrauchen. Und ich muss meine Berufsehre verteidigen.
Der Beruf des Archivars klingt für die meisten Menschen dröge, das ist nicht neu. Es herrscht eine Vorstellung von unauffälligen, introvertierten Menschen in staubigen Kellerräumen, die akribisch und ohne viel Aufregung vor sich hinarbeiten, die in alten Dokumenten wühlen, schüchtern sind und die Farbe Granitgrau mögen. Zumindest in Bezug auf mich ist das meiste davon falsch. Denn in meinem Archiv ist es nicht staubig und ich habe ein helles Büro. Und ich wühle nicht, ich forsche. 

Man mag auch meinen, dass der Archivalltag sich nicht für Smalltalk auf Partys eignet. Das stimmt weitestgehend (ich habe schon erlebt, dass Leute sich einfach desinteressiert von mir weggedreht haben, nachdem sie meinen Beruf erfragt hatten). Allerdings haben mein Lieblingskollege und ich diese Annahme einst widerlegt, als wir mit zu viel Bockbier intus ausriefen:
„Wir sammeln Informationen, alles landet letztendlich bei uns. Wissen ist Macht!“
„Was wir alles zu Gesicht bekommen. Uns bleibt nichts verborgen! Aber darüber dürfen wir natürlich nicht sprechen…“
Man sah uns plötzlich mit ganz anderen Augen, fast umwehte uns ein Hauch von Geheimdienst.


In Serien und Filmen begegnet mir regelmäßig eine andere, nämlich folgende Darstellung des Archivalltags:
Irgendwelche Helden vermasseln eine Aktion und werden zur Strafe zu sogenannten „niederen Arbeiten“ ins Archiv versetzt. Da sitzen sie dann ohne Tageslicht auf heißen Kohlen, weil sie wieder zurück ins aufregende, abenteuerliche Leben an die Oberfläche wollen, sich im Archiv langweilen, denn es gibt natürlich nichts zu tun, und sie haben sowieso viel mehr drauf als mit Akten zu jonglieren.


Die Wahrheit ist:
Keine dieser Figuren wäre der wirklichen Archivarbeit gewachsen. Keine dieser Figuren würde ein Archivar im Archiv haben wollen. Nicht die Helden werden bestraft, sondern die Archivare, zu denen diese Typen geschickt werden. Allerdings bekommt man die eigentlichen Archivare in Serien oder Filmen so gut wie nie zu Gesicht.

Schon seit längerem reift deshalb in mir der Plan, diese Klischeehaftigkeit der Serien- und Filmemacher bezüglich der Archivarbeit in einer Szenen-Kompilation vorzuführen - quasi ein Archivszenen-Archiv aufzubauen. Allerdings reift der Plan noch nicht lange genug, als dass ich mir bereits von jeher beim Schauen Notizen gemacht hätte. Was mich nun in das Dilemma bringt, dass ich diese ganzen gesehenen Archiv-Bashing-Szenen nicht mehr zusammenkriege…


Und auch wenn ich gerade den Teil mit der detektivischen Arbeit an meinem Beruf am allerbesten finde, ist die Aussicht, für die Umsetzung des Plans den ganzen Stoff, aus dem meine "Archivszenen-Archiv"-Träume sein könnten, noch einmal ansehen zu müssen, nicht so berauschend. Hat man doch ohnehin zu wenig Zeit, all die interessanten Serien und Filme zu schauen.
Aufgeben werde ich die Idee zwar nicht, aber ich werde Zeit brauchen - und Unterstützung.
Falls Euch also spontan so eine gemeine filmische Darstellung meines Berufszweiges einfällt oder Ihr beim künftigen Schauen über eine solche stolpert, bitte informiert mich und helft mit, meine Sammlung zu erweitern.

Eine meiner Lieblingsszenen möchte ich hier schon mal nennen. Sie ist aus Folge 8 (The Heap) der ersten Staffel von Fargo


Darin werden zwei FBI-Agenten vom Chef persönlich mit dem Aufzug weit nach unten gefahren und im Untergeschoss durch dunkle Flure zu einer Tür gebracht. Durch diese schickt er sie mit den Worten "Hier arbeiten Sie von nun an." Die Verzweiflung steht den beiden ins Gesicht geschrieben, die Tür fällt hinter ihnen zu. Sie sind im Archiv. Sie sind am Ende. Nein, nicht ganz. Es hätte schlimmer kommen können, meint einer von ihnen, immerhin seien sie noch am Leben.
Ja, sag ich mir auch täglich, so ist er, der Archivalltag...

Ich darf die Szene leider nicht abfilmen und zeigen. Einen Teil sieht man hier (ab 0:33).
Es empfiehlt sich natürlich, sich Fargo in Gänze anzusehen. 

Fargo, S1E8, The Heap


Mittwoch, 9. Mai 2018

Vöner / Big Data, little sense


Als berufene Dokumentarin bin ich zwar eine Befürworterin der lückenlosen Dokumentation.  Das Verhältnis zwischen der Menge an fotografischer Dokumentation und der Sinnhaftigkeit derselben ist aber an irgendeinem Punkt gekippt. Zu viel Produkt, zu wenig Sinn. Ich nehme mal an, diese Empfindung ist das Fazit eines Zusammenspiels aus:
-    zu vielen (zeit)geistlosen Fotos von zu vielen fotografierenden Menschen
-    Alter und dem Gefühl von Wiederholung, welches das Alter mit sich bringt
-    dem Eingeständnis, dass man sich die wenigsten seiner Bilder nochmal ansieht


Gerade habe ich ein paar Tage in Berlin verbracht und die Kamera nicht mal mehr mitgenommen, wenn ich durch die Stadt lief. Vielmehr verspürte ich Lust, mich irgendwo hin zu setzen und Szenen zu zeichnen. Was ich nicht getan habe, weil ich so viel anderes vorhatte (und eine lausige Zeichnerin bin). Aber das Ganze sagt mir: Es ist die Intensität, die ich vermisse. Und die Austauschbarkeit, die mir auf die Nerven geht.
Statt lückenloser Dokumentation herrscht Redundanz; fast alle knipsen das Gleiche, wenig hebt sich ab. Muss es ja auch nicht unbedingt. Ich fotografiere immer noch gern, einfach um des Fotografierens willen. Ja, ich flickre und instagramme auch bisweilen. Aber nicht mehr mit Verve.
4786 Bilder habe ich in den letzten 12 Jahren auf Flickr veröffentlich, wirklich interessant sind davon vielleicht 30. Da ist mir wenige Male ein Abbild vom Zeitgeist gelungen.
Bin ja selbst schuld, zwingt mich ja keiner, dummes Zeug zu fotografieren.  Es  gilt zu bedenken, ob das, was man gerade im Begriff ist zu fotografieren, es wirklich wert ist, festgehalten zu werden. Wie zu Zeiten der analogen Fotografie, als Filme teuer waren und jedes Bild gut überlegt. (Oder einfach einzigartiger, weil nicht stumpf von zig anderen drauf gehalten wurde.) Es gilt, weniger Plakatives festzuhalten, sondern mehr Zeitgeist zu erwischen.


Beim Streifzug durch Friedrichshain etwa wäre Gelegenheit gewesen. Um mich herum war alles so vegan und so vielfältig, so fair und so nachhaltig. In den Unmengen individuellen, kleinen Cafés Barrista-Einrichtungen, wo das Kaffeebrauen zelebriert wird und es keinen Kuchen, sondern höchsten Mal eine Keks als Begleitung zum Kaffee gibt, kann man wählen zwischen mindestens fünf verschiedenen Milchsorten: Hafer, Mandel, Laktosefrei, Soya und normal.  Die Kaffeesorten kann ich gar nicht alle aufzählen. In den Boutiquen Concept-Stores gibt es fair hergestellte Mode, BPA-freie Trinkflaschen und aus Plastikmüll gefertigte Souvenirs. In den Imbissen Food halls gibt es alles in vegetarisch oder vegan und sogar in einfallsreich, dazu jede Menge lokales Craft-Beer und regionalen Gin.


Klingt das spöttisch? So meine ich es nicht. Mir sagt das alles zu. Laktosefrei, super. Gurkeneis, lecker. Am besten mit einem Gin dazu. Nicht von Kinderhänden in unsicheren Textilfabriken genähte Klamotten, so soll es sein. Variantenreich fleischlos, gerne. BPA-freie Trinkflasche hab ich längst.
Ich erwähne es, weil dieser Zeitgeist leider wieder verschwinden wird. Vielleicht alles nur ein Trend und in wenigen Jahren ist der Vöner-Laden weg (kein Tippfehler: veganer Döner) und erfolgt nicht die anklingende Wende zum bewußteren Fleischverzehr. Vielleicht ist der Nachhaltigkeitstrend nicht nachhaltig und die fair clothing-Händler müssen mangels Umsatz schließen. Vielleicht hat auch einfach ganz antithetisch "fair" irgendwann keinen guten Ruf mehr, so wie die Gutmenschen.


Vielleicht hätte ich eine Bilderserie machen sollen. Weil es das Flüchtige ist, was sich festzuhalten lohnt. (Warum es nebenbei bemerkt auch Spaß macht und sinnvoll ist, Streetart zu fotografieren.) Leider spürte ich den Fhainer Zeitgeist erst bei rückblickender Überlegung, da war‘s zu spät und ich schon wieder in Mitte. Aber was man nicht fotografiert, um es zu bewahren, muss man eben ausnahmsweise mal in Erinnerung behalten. Oder aufschreiben.




Montag, 30. April 2018

Would the drivel make scribble, make sense and then song*

An der Manchester Metropolitan University wurde für den Studiengang Songwriting soeben der denkbar weltbeste Professor gewonnen.
Diese glücklichen Studenten! Ein so FOFLiger Studiengang und dann:  Mr. Guy Garvey.

Mir bleibt immerhin seine sonntägliche Sendung im Radio und in dieser hat er gestern darauf hingewiesen, dass heute Internationaler Tag des Jazz ist.

In the mood?
Dann empfehle ich dieses Duett von Guy und Jolie Holland. Am besten abends, zu einem Glas Wein:

Electricity



* Titel ist eine Liedzeile aus "Fly boy blue / Lunette"

Sonntag, 22. April 2018

FOFL, die zweite


Herzlich willkommen zu FOFL, das am vergangenen Samstag in die zweite Runde ging. Damit ist FOFL keine einmalige Sache mehr und gilt nun als etabliert. Man hat auch gleich gemerkt: Wir sind schon fortgeschritten, quasi alte Hasen. Wo sich beim ersten Mal noch vorsichtig vorgewagt wurde, ging es nun bereits konzeptionell zu. Es wurden Hintergrundinformationen erläutert und vergleichende Beispiele angeführt. Es wurden Übersetzungen angefertigt und Themen verfolgt. Und in einem Fall wurde FOFL sogar erweitert ausgelegt.

Stephen Fry and Hugh Laurie  - Haircut (Sketch, ca. 1990)
Hierbei handelt es sich nicht um ein Lied, sondern um einen Sketch aus der britischen Comedy-Reihe "A bit of Fry and Laurie". Der sprachliche Ausdruck ist jedoch derart überkandidelt, dass Fry quasi einen rhetorischen (Balz-)Tanz um seinen Sketchpartner aufführt, was ja irgendwie entfernt mit Musiktext assoziiert und deshalb gelten gelassen werden kann.

S: I merely hope that Sir can find a moment in his otherwise hectic schedule to appreciate that for me to cut every one of Sir's hairs represents the snow-capped summit of a barber's career.
H: Well you've done it before, haven't you?
S: Indeed, Sir. I once cut all the hairs on a gentleman's head in Cairo, shortly after the War, when the world was in uproar and to a young man everything seemed possible.
H: You've cut someone's hair, all of it that is, once since the war?
S: Would Sir have prefered that in the sphere of total hair cuttation, I was to him a virgin? 


Elbow - Charge (2014)
Da ich selbst mir versagt habe, erneut einen Elbow-Text zu wählen, war ich sehr erfreut, dass ein anderer Teilnehmer das Lied auf die FOFL-Bühne brachte, wenn auch durch die Hintertür. In diesem Falle erhielten wir zunächst einen deutschen Text, der deutlich zeigte, dass Elbow-Texte auch übersetzt nicht einfach zu deuten sind. Toll sind sie natürlich dennoch. Eine Assoziation zu Hermann Hesses Gedicht "Ich bin ein Stern" (unten) wurde auch noch mitgeliefert.

I am electric with a bottle in me
Got a bottle in me
And glory be these fuckers are ignoring me
I'm from another century

Ich bin von Eurer Welt verbannt
Vom Stolz erzogen, vom Stolz belogen,
Ich bin der König ohne Land.

Kate Bush - Wuthering Heights (1978)
Neulich ertappte ich mich dabei, wie ich in reinstem Fantasie-Englisch mitsang, als das Lied im Radio lief. Klassisches FOFL-Thema: Was singt bzw. quäkt Kate da eigentlich? Zwar wußte ich um Emily Brontës Roman gleichen Titels, aber in Ermangelung erfolgter Lektüre desselben entging mir schon das Verständnis des Namen des Protagonisten, Heathcliff. Und ehrlich: Es klingt eher nach "Heathcue"(Heidehinweis?). Zu meiner Beruhigung war ich mit den Verständnisproblemen nicht allein (Window? Wirklich?).
Hier der Teil in dem die verstorbene Angebetete als Geist zurückkehrt um "Heidehinweis" zu sich zu holen:

Heathcliff, it's me, Cathy, I've come home
I'm so cold, let me in your window
Oh, let me have it, let me grab your soul away.

Blackalicious - Alphabet Aerobics (1999)
Textinterpretation mag sich hier erübrigen, was dem Liedtitel schon ein bisschen immanent ist. Wort-Aerobic in alphabetischer Reihenfolge, in zunehmender Geschwindigkeit. Aber wie bemerkenswert! Diesen Text drauf zu haben und zu performen, Respekt. Geschafft haben das nicht nur Blackalicious, sondern auch Harry Potter. WTF? Siehe Link.

My mind makes marvelous moves, masses
Marvel and move, many mock what I've mastered
Niggas nap knowin' I'm nice naturally
Knack, never lack, make noise nationally 

Rainald Grebe - Gold (2004)
Der einzige tatsächlich deutschsprachige Beitrag der Runde und noch dazu einer, den man sicherlich auch nur als in Deutschland Aufgewachsener versteht, weniger wegen der Muttersprachlichkeit als aufgrund des bürgerlichen Familienbilds der 80er Jahre in Westdeutschland, das hier giftig umrissen wird.

Unsere Eltern haben uns mit Hanuta beworfen, unsere Nachbarn mit Nivea-Creme
Es hat uns an nichts gefehlt, aber genau das war das Problem
Im Fernsehen war ein Mann mit einem goldenen Colt
Es ging uns allen Gold, es ging uns allen Gold
Familie Gold
Mein Sohn: zerreiß nie das goldene Band
Wir sind das Herz von Westdeutschland

Suzanne Vega - Harper Lee (2016)
Das andere Lied zum Thema "Literatur in Songtexten" zitiert gleich eine ganze Reihe von Werken und Autoren, auch wenn sie nicht unbedingt gut wegkommen. Was daran liegt, dass hier Carson McCullers zu Wort kommt, gemäß Suzanne Vegas Vorstellung zumindest. Und in dieser vergleicht sich McCullers mit den großen Namen ihrer Zeit (Faulkner, Hemingway, Greene, Capote u.a.) und beschwert sich auf amüsante Weise über zu wenig Würdigung ihrer selbst. Besonderer Stein  des Anstoßes ist Harper Lee. Vega integriert McCullers überlieferte, bittere Worte (unterstrichen):

She always seems to be receiving
More than she deserves
Honey, she's poaching on
My literary preserves
Yes from Harper Lee
We have seen and we've heard and
I'd like to kill more than just
That mocking bird

Elvis Costello -  Watching the detectives (1977)
Kannte außer dem beisteuernden Teilnehmer niemand. Immerhin die Stimme kam allen irgendwie bekannt vor. Mit dem Lied aus seinen Anfangsjahren wollte Costello angeblich beweisen, dass Reggae-Einflüsse besser verarbeitet werden können als bei The Clash. Heraus gekommen ist eine Detektivgeschichte mit Reminiszenzen an den Film noir, nur eben sehr laid-back erzählt.

Nice girls, not one with a defect
Cellophane shrink-wrapped, so correct
Red dogs under illegal x
She looks so good that he gets down and begs

She is watching the detectives
"Ooh, he's so cute"

She is watching the detectives
When they shoot shoot shoot 

Und: Ulla Meineke wurde überführt. Sie hat sich hier eindeutig inspirieren lassen.
Und die Mädel wie in Zellophan
spielen alle Saxophon. 
(aus: Die Tänzerin)


Nach dem FOFL ist vor dem FOFL. Freu mich schon.

Freitag, 20. April 2018

Serendipity, Zufälle und das Licht am Horizont


Wie nennt man eigentlich das Folge-Prinzip des Serendipity-Prinzips?
Letzteres bedeutet die glückliche Fügung, dass man zufällig etwas Überraschendes findet, was man eigentlich gar nicht gesucht hat. Aber gibt es auch ein Wort für das Prinzip des wiederholten Auftauchens des eben erst Kennengelernten? Dies ist keine rhetorische Frage. Meldet Euch, wenn Ihr was wisst. Ich habe keinen Begriff für dieses fabelhafte Prinzip.
Meine Recherche führte mich zu Bezeichnungen wie „repetition priming“ or „perceptual priming“, die aus der Verhaltenspsychologie stammen. Aber diese Bezeichnungen treffen es für mich nicht ganz. Mir ist zwar klar, dass das wiederholte Auftauchen von Begriffen oder Zusammenhängen auch von meiner veränderten Wahrnehmung, meiner durch die Initialisierung des Begriffs erhöhten Achtsamkeit abhängt. Aber eben nur “auch“. Die Häufigkeit, mit welcher der neue Begriff auftaucht, ist meines Erachtens ebenfalls erhöht, deshalb nehme ich ihn ja überhaupt verstärkt wahr. Macht man das Experiment und sucht sich bewusst einen Begriff aus, dem man fortan Beachtung schenkt, ist dennoch nicht gegeben, dass er ständig auftaucht.
Wie nennt man diese Verbindung aus Initialisierung, knapp darauf folgendem wiederholtem Auftreten und vermehrter Wiedererkennung?
Vorschläge werden gern entgegengenommen. Vielleicht denke ich mir auch einfach eine Bezeichnung aus. Serendipity hat sich ja auch jemand ausgedacht, und zwar Horace Walpole 1754, in Anlehnung an ein persisches Märchen mit dem englischen Titel „The Three Princes of Serendip“, in dem die drei Prinzen viele unerwartete Entdeckungen machen.

Ein bisschen Serendipity immerhin hatte ich kürzlich erst. Na gut, man könnte auch sagen, mir hat sich schlicht etwas erschlossen, was mir vorher entgangen ist und Zufall kam auch dazu.
Zu verdanken habe ich diese Erweiterung des Horizonts der Lektüre von Anthony Burgess‘ „A Clockwork Orange“. Darin legt Burgess seinen Protagonisten eine Fantasiejugendsprache in den Mund, genannt Nadsat, die aus verschiedenen Sprachelementen besteht. Und erst, wenn man sich mit dem Roman und dieser Sprache näher beschäftigt, fällt einem auf, wo Reminiszenzen dazu auftauchen. Kurz: Überall. Allein in der Musik gibt es zahlreiche (abgesehen von der ollen und ziemlich platten Reminiszenz bei den Toten Hosen).
Eine, die sich mir jetzt erst erschloss, findet sich im Text von David Bowies „Girl loves me“ vom Album „Blackstar“. Da wimmelt es nur so von Nadsat:

You viddy at the cheena
Choodesny with the red rot
Lubbilubbing litso-fitso
Devotchka watch her garbles
Spatchko at the rozz-shop
Split a ded from his deng deng

Diese Entdeckung bereitete mir selbstverständlich großes Vergnügen. Ebenso wie die glückliche Fügung, dass ich mich während der Lektüre von „A Clockwork Orange“ zufällig gerade in Manchester aufhielt und plötzlich vor einem enormen Mural stand, das Anthony Burgess zeigte. Es ist natürlich kein Zufall, dass man in Manchester in irgendeiner Form auf Burgess trifft, er war schließlich ein Mancunian. Aber es war ungeplant und hat mein Herz erfreut.
You can smot at the mural here

Donnerstag, 12. April 2018

Yep, Yipsel


Words make you think a thought.
Music makes you feel a feeling.
A song makes you feel a thought.


Meine Worte! Nein, sind es nicht, aber könnten sie sein, wenn ich derart geistreich wäre und wenn sie nicht schon jemand vor mir gesagt hätte. Das Zitat stammt von E. Y. Harburg.

Wer ist dieser E.Y. Harburg? Nie gehört, dachte ich. Stimmt aber nicht. Gehört habe ich ihn unwissentlich schon oft, oder vielmehr eben seine Worte.

Denn der amerikanische Liedtexter, der eigentlich Isidore Hochberg hieß und liebevoll „Yipsel“ genannt wurde, zeichnet verantwortlich für Klassiker wie April in Paris, It’s only a paper moon, Old devil moon und Over the Rainbow, bekannt aus „Wizard of Oz“. Dafür hat er sogar einen Oscar erhalten, zusammen mit dem Komponisten Harold Arlen.

Sehr FOFLige Zeilen, die er da gesprochen hat. Ein Hoch auf Herrn Hochberg.

Dienstag, 10. April 2018

Du sollst mich kennenlernen!


Ich werde verfolgt, von Philip Larkin und Laurence Sterne. Gleichzeitig.

Beide kannte ich vor wenigen Wochen noch nicht und genaugenommen kenne ich sie auch jetzt noch nicht. Aber inzwischen sind mir ihre Namen zumindest ein Begriff. Weil Begriffe, die einem vor kurzem noch keine waren, nach ihrer Inititialisierung häufig plötzlich überall auftauchen, als wollten sie sagen „Du sollst mich kennenlernen!“

Neulich fragte mich ein Freund, der so wirklich gar nichts mit Literatur am Hut hat, ob ich „Tristram Shandy“ kennen würde. Er hatte ein Hörspiel im Radio gehört, also einen kleinen Teil davon, und weil er weiß, dass ich mich sehr wohl für Literatur interessiere, fragte er mich danach. Aber ein Interesse für Literatur gleicht dem Interesse an Kieselsteinen. Die Vielfalt und die Menge sind jenseits der numerischen Erfassung und die meisten Kieselsteine dieser Erde wird man nie zu Gesicht bekommen. Etwa einen gleich großen Anteil der verfügbaren Literatur werde ich nicht lesen können. Eine bedauerliche Erkenntnis, aber immerhin kann man bei Literatur wählen, was man näher betrachtet, Kieselsteine fallen einem mehr oder weniger willkürlich vor die Füße. Und manchmal fällt einem auch Literatur vor die Füße.
Mit der Frage meines Freundes fiel mir Laurence Sterne, der Autor von „The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman.“ (1759) vor die Füße. Also las ich in ein bisschen über ihn nach und da ich für mein Alter schon recht vergesslich bin, hätte es hier enden können.
Aber dann tauchte Sternes „Tristram Shandy“ wenige Tage später in einem Artikel über ein anderes Buch auf, mit dem ich mich gerade beschäftig hatte (David Foster Wallaces' "Infinite Jest"), aufgrund des ihnen gemeinsamen Formenexperiments. Wieder wenige Tage später erhielt ich eine Mail von einem völlig Fremden, der doch tatsächlich Laurence Sterne zitierte. Es war eine Rundmail an die Mitglieder einer Gesellschaft, der ich angehöre und das Zitat lautete: "Durch Lächeln und noch mehr durch Lachen wird die kurze Spanne des Lebens verlängert."
Und gelächelt habe ich, als ich erneut wenige Tage später während des Duschens zufällig den zweiten Teil des Hörspiels, das mein Freund erwähnt hatte, im Radio hörte.

Parallel dazu dockte Philip Larkin an. Zunächst wurde sein Gedicht „This be the verse“ (1971) im Book Club zitiert, als wir über das in "My name is Lucy Barton" thematisierte Mutter-Tochter-Verhältnis sprachen.
Ich mag das Gedicht. Dennoch hätte ich Philip Larkin wahrscheinlich wieder vergessen, wäre auch er nicht unnachgiebig wieder und wieder aufgetaucht. Ich hatte meiner Schwester ein Hörbuch von Nora Ephron geschenkt: „Ich kann mir alles merken, nur nicht mehr so lange“. Ich hatte es nur wegen des Titels besorgt, denn meine Schwester ist genauso vergesslich wie ich, es muss in der Familie liegen. Wir hörten es im Urlaub und darin wurde Philip Larkin erwähnt, wenn auch nur ganz nebenbei.
Außerdem stolperte ich in einem Laden über eine Jazz-Compilation mit dem Titel „Larkin’s Jazz“, die, wie ich erfuhr, seinem Buch „All what Jazz“ folgend erstellt worden war. (Beides, CD und Buch, stehen nun auf meiner Liste interessanter, noch zu erschließender Dinge.) Und schließlich beglückte mich das ungeahnte Informationsteilchen, dass David Bowie eben jenes oben genannte Gedicht von Larkin mehrfach rezitiert habe, weil es zu seinen Favoriten gehörte. Ich kramte Bowies Liste der 100 Bücher, die man seiner Meinung nach gelesen haben sollte, hervor und rechnete fest damit, Laurence Sternes Werk darauf zu finden. Als müsse sich irgendwie der Kreis schließen. Aber nein, kein „Tristram Shandy“.

Es ließ mir keine Ruhe, ich wollte eine Verbindung zwischen den zwei neuen Elementen in meinem Orbit herstellen, schon allein, weil es die Wahrscheinlichkeit verringerte, dass ich sie vergessen würde und sie meinen Orbit wieder verließen. Ich recherchierte - und wurde fündig.
Eine Verbindung besteht in der Eröffnung von „Tristram Shandy“ und den Eröffnungszeilen von Philip Larkins Gedicht.

Tristram Shandy beklagt sich, weil seine Eltern im Moment seiner Empfängnis an etwas anderes gedacht haben. Irgendwie waren sie wohl nicht ganz bei der Sache und Tristram befürchtet, dass in der Folge sein ganzes Leben abgefuckt ist:


I wish either my father nor my mother, or indeed both of them, as they were
in duty both equally bound to it, had minded what they were about when
they begot me; had they duly consider'd how much depended upon what
they were then doing; -that not only the production of a rational Being was
concern'd in it, but that possibly the happy formation and temperature of
his body, perhaps his genius and the very cast of his mind;- and, for aught
they knew to the contrary, even the fortunes of his whole house might take
their turn from the humours and dispositions which were then uppermost:
Had they duly weighed and considered all this, and proceeded
accordingly, -I am verily persuaded I should have made a quite different
figure in the world, from that, in which the reader is likely to see me.

Die Zeilen von Philip Larkins Gedicht klingen wie eine Kurzfassung davon:


They fuck you up, your mum and dad.
They may not mean to, but they do.  
They fill you with the faults they had
And add some extra, just for you.

Da ich nicht daran glaube, dass diese Verbindung bedeutungsschwanger oder gar die einzige wäre, nehme ich das jetzt einfach als interessante Parallele und hübschen Zufall so an. Die beiden Herren haben mit ihrer willkommenen Aufdringlichkeit erreicht was sie wollten: Ich habe sie kennengelernt, wenigstens ein kleines bisschen. Ich hoffe, sie verweilen noch ein Weilchen in meinem Orbit.